Gewaltprävention soll grundsätzlich dazu beitragen, Gewalt zu verhindern und kann daher als Opfer- wie als Täterschutz gleichermaßen verstanden werden. „Täterschutz“ bedeutet hier vor allem, frühzeitig zu erkennen und helfend einzugreifen, wenn sich bestimmte „Gewaltkarrieren“ bereits abzeichnen.
Dass schon Kinder gewalttätig sein können, ist ein erschreckender Gedanke, den gerade Eltern und Verwandte gern leugnen. Das Verhalten von Kindern, die andere schlagen, kratzen, beißen oder durch verbale Gewalt in Bedrängnis bringen, wird dabei gern entschuldigt, als Ausnahme oder als besonders durchsetzungsfähiges Verhalten gedeutet. Doch Kinder, die schon früh ein hohes Gewaltpotenzial zeigen, sind nicht nur Täter, sie sind häufig auch selbst Opfer und benötigen Hilfe. Eine Leugnung dieses Potenzials wird es ihnen eher erschweren, sich von eingeübten Verhaltensmustern zu lösen. Und auch den Opfern von (früh)kindlicher Gewalt – in diesen Fällen ebenfalls Kinder – wird man dadurch nicht gerecht: Sie fühlen sich allein gelassen, reagieren verängstigt und eingeschüchtert oder – und das setzt die Spirale vollständig in Gang – reagieren ihrerseits nun mit Gegengewalt, die von den Erwachsenen wiederum als berechtigte Abwehr gedeutet wird.
Gewaltprävention im Kindesalter soll Kindern helfen, einen friedfertigen Umgang in Konfliktsituationen einzuüben. So wurden in der Zusammenarbeit verschiedener Behörden bereits Präventionsprogramme konzipiert, die dazu verhelfen, die sog. „easy starter“, also Kinder, die bereits ab fünf Jahren ein auffällig antisoziales und aggressives Verhalten zeigen, zu erkennen und mit ihnen an einer Verhaltensänderung zu arbeiten. Hierzu gehört z. B. das Programm „Papilio“, das speziell für Kindertageseinrichtungen und ähnliche Institutionen entwickelt wurde. Das Programm will das Einüben sozialer Regeln ebenso ermöglichen, wie es die Fähigkeit zur Selbst- und Fremdwahrnehmung fördert. Speziell an Eltern von Kindern im Alter bis zu 12 Jahren richtet sich das „Triple-P-Training“. Triple P steht für „Positive Parenting Programm“, ein positives Erziehungsprogramm also, bei dem die Eltern ein Erziehungsverhalten lernen sollen, das es ihnen ermöglicht, bei Schwierigkeiten zu intervenieren, ohne selbst Gewalt in irgendeiner Form auszuüben. Das heißt, im Mittelpunkt von Triple P steht eine Förderung der Kinder über positive Bestärkung und die Vermittlung von Kompetenzen, die es ihnen ermöglichen, auf friedliche Weise mit anderen zu kommunizieren und Konflikte zu lösen.
Gewalt ist keine Lösung – dieser Satz ist richtig, doch birgt die Äußerung allein auch keine Lösung. Kindern, die sich als gewaltbereit darstellen, muss ebenso geholfen werden wie Kindern, die schon früh Gewalt erfahren. Letztere müssen durch spezielle Programme, in denen die Kinder gewaltfreie Methoden der Selbstbehauptung erlernen, gestärkt und ggf. dazu ermutigt werden, aus ihrer Opferrolle herauszutreten. Gewaltprävention im Kindesalter sollte daher kein Tabuthema sein, sondern zu den Selbstverständlichkeiten der Erziehungsarbeit gehören.